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Friday, 11 February 2011

die verteidigung der männlichkeit


Jeder Mensch besteht aus Teilen,
aus drei Teilen,
aus drei Teilen.
Hey - la - la,
drum - drum - tu - tu!
Jeder Mensch ist dreigeteilt.

Bart und Auge, fünfzehn Hände,
fünfzehn Hände,
fünfzehn Hände.
Hey - la - la,
drum - drum - tu - tu!
fünfzehn Hände und 'ne Rippe.

Nicht der Hände sind's am Ende
fünfzehn Stück,
fünfzehn Stück.
Hey - la - la,
drum - drum - tu - tu!
Fünfzehn Stück und keine Hände.

(1930)

Daniil Charms - 1930

Dritte cysfinite Logik
des unendlichen Nichtseins

Hier und Hort eine Stunde.
Hier war immer nur eine Stunde, aber jetzt nur noch eine halbe.
Nein, eine halbe Stunde war immer, aber jetzt nur noch eine Viertel.
Nein, eine Viertelstunde war immer, aber jetzt nur noch ein Achtelchen.
Nein, alle Teile der Stunde gab's immer, aber jetzt nicht mehr.
Hier ist die Stunde.
Hort ist die Stunde.
Hier war immer nur eine Stunde.
Hier wird immer jetzt eine Stunde sein.
Hier und Hort eine Stunde.

Daniil Charms - 1928


Am Dienstag flog über das Wasser
Eine leere Seifenblase,
Die sich still im Wind gebauscht;
In ihr ein Pfeifchen jemand rauchte,
Er schaute auf die Parks und Plätze
Bis Mittwochs schaute er gemächlich,
Doch Mittwochs, Lampe ausgemacht,
Sprach er: Na ja, es lebt die Stadt.

Das Nichtjetzt

Das Nichtjetzt

Das ist Das
Dies ist Dies.
Das ist nicht dies.
Das ist nicht nicht das.
Das Übrige ist entweder das oder nicht das.
Alles ist entweder dies oder nicht dies.
Wenn kein dies und kein das, dann kein das und kein dies.
Wenn dies und das, dann auch sich SELBST.
Wenn sich Selbst, dann kann dies sein, und nicht das, entweder das und nicht dies.
Das wurde zu dies, doch dies wurde zu das. Wir sagen: Gott blies.
Das wurde zu das, doch dies wurde zu dies und wir können nirgendwo herauskommen und nirgendwohin hineingehen.
Das wurde zu das. Wir fragen: Wo? Man sang uns Hier.
Das ging aus dem Hier hervor. Was ist das? Das ist DIES.
Das ist dies.
Dies ist das.
Hier ist das und dies.
Hier wurde zu das, das wurde zu dies, doch dies wurde zu hier.
Wir schauten doch wir sahen nicht.
Doch dort standen das und dies.
Dort ist nicht hier.
Dort ist dies.
Hier ist das.
Doch jetzt sind dort sowohl das als auch dies.
Doch jetzt ist auch hier das und dies.
Wir blasen Trübsal und denken und quälen uns.
Wo ist jetzt das Jetzt?
Jetzt ist hier, und jetzt dort, und jetzt hier, und jetzt hier und dort.
Das sein dies.
Hier sein dort.
Das, dies, hier, dort sein Ich, Wir, Gott.

29. Mai 1930
Daniil Charms

Wednesday, 9 February 2011

un reve

das zweite meer
um den sandsee schwimmen küstenspiegel.
die scherbenblätter wurzelloser bäume treiben
im steinfeld, das am ufer in den boden wächst.
der wind drängt leichtes licht durch ihre schatten.
festgeflogen hängen laute möwen in der luft.
die baumruinen zeichnen sich im himmel,
der das land berührt. an ihnen fließt die luft
in strömen. ich höre noch das dröhnen aus den
goldnen trichtern. und seh den spatz am tubarand
für einen augenblick verweilen als sie schwieg.
und jemand leise, leiser deinen namen spricht
als wärs sein echo. die feder liegt im wasserlaub
und zupft mit trocknen spitzen an den augen
wimpern. sie hat sich gerade erst im seegras
netz verfangen. früher hätt ich sie befreit.

 Andreas Altmann
(*1963)

der raum zwischen uns - the space between us

Geben Sie mir Gegengift, schnell. einziger
Punkt reich als Haltepunkt tunkte, Knick ist der Braut
um sie zu verändern was hat dich wohl dazu bewogen?
Ich habe den gleichen Stuhl im Hintergrund.

Mathias Traxler (*1973)

poesie und alltag


augustenstraße, digital
atem. keine not im zimmer keine pflanzen keine toten. nur tanz
auf dem tisch schwarzes brot. ganz frisch aus dem ofen. verbrannt
auch spuren von mehl oder motten. karabinerhaken die einrasten
zu lasten des seils. ein kalter hund ohne schwanz rastet aus. im kasten
spielt ein einziger sound im spiegel kein mensch bloß ein paar
megapixel an der leine allein. stark sein im yoga verharren &
starr die arme die beine die scham enthaaren. zurecht gestutzt
das bermudadreieck zwischen mikrofon kopfhörer gegensprechanlage
abschalten. das haus im nacken wieder kehr wochenlang
jene treppen aushalten & dabei allmählich veralten.
Lars-Arvid Brischke(*1972)

corpus

Das Hertz ist weit von dem/ was eine Feder schreibt.
Wir dichten im Gedicht/ dass man die Zeit vertreibt.
In uns flamt keine Brunst/ ob schon die Blätter brennen
von liebender Begier. Es ist ein blosses nennen.











Sigmund von Birken (1626-1681)

Anleitung


Anleitung für ein Sommergedicht

Harte Beschreibungsarbeit am Himmelsblau,
das in seine Tagestönungen zerlegt
sein will, überzogen mit weißen Herden
von Wolken, die man festhalten will im Vers,
die aber immer zu schnell vorüberziehn.
Ein Kunststück, wie man die richtige Hitze
hineinbläst, den Text ins Schwitzen bringt.
Wenn die Natur nicht die Vorlage liefert,
nimmt man einen grün angestrichenen Winter,
setzt auf ein berühmtes Zitat.
Unvermeidlich der Geruch nach trockenem Heu,
das ordentlich knistert in der Zeile,
daß man sich hineinwerfen mächte,
auch das prickelnde Wasser der See
muß seine Sommerqualität haben.
Eine Strophe Überbau für den Drang
in den Süden, den ewigen Trieb,
wie er im Norden kultiviert wird:
Das ist der warme Grundton in jedem
Sommergedicht, die klare Dominante. 

Peter Engel (*1940)

Sunday, 6 February 2011

Parachutes

Parachutes, My Love, Could Carry Us Higher
I just said I didnt know
And now you are holding me
In your arms,
How kind.
Parachutes, my love, could carry us higher.
Yet around the net I am floating
Pink and pale blue fish are caught in it,
They are beautiful,
But they are not good for eating.
Parachutes, my love, could carry us higher
Than this mid-air in which we tremble,
Having exercised our arms in swimming,
Now the suspension you say,
Is exquisite. I do not know.
There is coral below the surface,
there is sand, and berries
Like pomegranates grow.
This wide net, I am treading water
Near it, bubbles are rising and salt
Drying on my lashes, yet I am no nearer
Air than water. I am closer to you
Than land and I am in a stranger ocean
Than I wished.
Barbara Guest (1920-2006)

Friday, 4 February 2011

erinnerungen

Ballade A Propos De Deux Ormeaux Qu'Il Avait.
A Léon Vanier. (Paul Verlaine)

Mon jardin fut doux et léger
Tant qu'il fut mon humble richesse:
Mi-potager et mi-verger,
Avec quelque fleur qui se dresse
Couleur d'amour et d'allégresse,
Et des oiseaux sur des rameaux,
Et du gazon pour la paresse.
Mais rien ne valut mes ormeaux.
De ma claire salle à manger
Où du vin fit quelque prouesse,
Je les voyais tous deux bouger
Doucement au vent qui les presse
L'un vers l'autre en une caresse,
Et leurs feuilles flûtaient des mots.
Le clos était plein de tendresse.
Mais rien ne valut mes ormeaux.
Hélas! quand il fallut changer
De cieux et quitter ma liesse,
Le verger et le potager
Se partagèrent ma tristesse,
Et la fleur couleur charmeresse,
Et l'herbe, oreiller de mes maux,
Et l'oiseau, surent ma détresse.
Mais rien ne valut mes ormeaux.

Envoi.
Prince, j'ai goûté la simplesse
De vivre heureux dans vos hameaux:
Gaîté, santé que rien ne blesse.
Mais rien ne valut mes ormeaux.

somewhere else

(Paris, 16. Oktober 1900.)
Du sagst, du liebst mich. Oh, ich danke dir!
Zwar kenn ich dieses Wort als Lüge nur,
Doch klingt es süß, wie liebliche Musik,
Und gerne glaubt man, was so lieblich klingt.
Ich will es glauben, und ich bitte dich:
Nimm diesen Glauben als Entgegnung an.
Mir selber will das Wort “Ich liebe dich”
Nicht mehr vom Herzen auf die Lippen gehn.
Dem Boden, der von mitleidlosem Fuß
Zerstampft ward, dem der Bosheit dürre Hand
Salz in die Furchen streute, wollen Rosen nicht
Entblühen, – blasse Nesseln bringt er nur.
So sieht mein Garten aus, – ein Nesselbeet.
Willst du ihn lieben? Wunder sind geschehn!
Die Liebe ist die beste Gärtnerin.
Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

somewhere else

(Sehnsucht Provinz)
in einer zeit in der selbst regale
namen haben
willst du nicht namenlos sein
wie diese stadt
mit ihren springbrunnen
auf zu breiter einkaufsmeile
allein
nur wir zwei
sehen eine grüne libelle
verenden auf dem playmobil
spielfeld im schaufenster bei vedes
totengräberkäfer legen für uns
kaleidoskope auf den stufen
zum schlossberg
Maik Lippert (*1966)

young man

Serenade
Als ob ein Toter im Grabe müd und wund
nach Leben riefe,
sucht mein Lied sich zu dir mit klagendem Mund
aus dunkler Tiefe.
Laß lauschen dein Ohr, deine Seele dem Klang
meiner Zither:
für dich, für dich nur gilt mein Gesang …
so süß, so bitter.
Ich singe von goldlichter Augen Pracht
voll süßem Frohlocken,
von selig vergessendem Traum in der Nacht
schwarz wallender Locken.
Als ob ein Toter im Grabe müd und wund
nach Leben riefe,
sucht mein Lied sich zu dir mit klagendem Mund
aus dunkler Tiefe.
Und ich sing von der wonnigen Wundergestalt
deiner Glieder,
in schlaflosen Nächten voll Sehnsucht umwallt
ihr Duft mich wieder.
Und ich denke der Glut deiner Küsse dazu,
mich entseelend,
und der Lust, mit der du mich quältest, o du …
mein Engel! mein Elend!
Laß lauschen dein Ohr, deine Seele dem Klang
meiner Zither:
für dich, für dich nur war, was ich sang …
so süß, so bitter!

Cäsar Flaischlen (1864-1920)

Tuesday, 1 February 2011

nur ein gedanke

CIELO himmelsblau
Ich habe diesen Himmel mir nicht ausgesucht
den ewig hohen den unendlich blauen
Es sind schon viele aufgefahren
und kamen nicht zurück
und auch die untergingen fielen tief.
Wer sucht schon selbst den Himmel aus
der ständig weint und brüllt
und wenn er schlägt mit seinem Zorn
Wohin soll ich mich wenden ohne Ort?
Nur an den Straßen gibt es Halt
doch warten wir doch vergebens oft
Bewegen uns am gleichen Platz ein Leben lang.
Ich bin nicht unter diesem Himmel
Ich bin nicht unter diesem Blau
Ich bin ein Stern wie alle dort hochfern
Manfred H. Freude (*1958)

Sunday, 30 January 2011

that certain young man

ÜBER(SCH)WIEGE(NE)
wortlos
lieben wir uns
sprechen ist nicht nötig
wir zerfließen ganz
in unseren armen denn
ich liebe mich und du liebst dich
so sehr daß keinem etwas fehlt
was ausgesprochen werden müßte
wenn sich beide seelen treffen
wo sie wirklich sind
darf alles ohne angst sich selbst genügen
atem atmet weiter
körper bleiben körper
geist ist geistig
dinge sind begreifbar
rätsel sind geheimnisvoll
und glück macht glücklich
weil wir zwischen sämtlichen sachverhalten
wohnen als sei gegenwart noch mehr
als gegenwart von ewigkeit
mal ganz zu schweigen
Tom de Toys

that´s the way it is

XXL…ieben

manche menschen schauen
nachrichten im fernsehen
während wir uns lieben
um . 8
und manche bringen sich durch
1 dummen ZUFALL GEGENSEITIG um
um . 8
während wir uns über
die modernen dichter unterhalten
manchmal spüren wir das große glück
noch nicht
dem totenreich anzugehören das
uns aus den augen der politiker anstarrt
als sei das ganze leben 1 diktatur
aus wiederholten wiederholungen
und manchmal ahnen wir
wie kostbar die sekunden sind
die wir NICHT ZÄHLEN sondern
restlos von uns überweltigt bleiben
weil wir sterne
in den groß gewordenen pupillen sehen
Tom de Toys (*1968)

Friday, 28 January 2011

ein versuch

SeLBSTNaCHLaßß
(ReQUIeM FÜR eINe KONKReTe LIeBe)
ist das geil !
ganz ohne das bedürfnis ein gedicht zu schreiben
einfach dazusitZEN und den milchkaffee zu schlürfen
ist das geil !
kein dichter mehr zu sein
und auf das eigene gesamtwerk so zurück zu blicken
als ob jemand anders ES GESCHRIEBEN hätte
und sich über jedes einzelne gedicht so sehr zu freuen
daß man fan von seinen eigenen gedanken wird
ist das nicht geil !
zu jenen glücklichen zu zählen
die sich selber überleben durften
die ihr ziel nicht nur erreichten
sondern sogar selbst nachlaßßverwalter spielen können
ohne angst vor voreiligen fehlinterpretationen
ohne angst vor diesem üblichen restrisiko
für mehrere jahrhunderte in der versenkung abzutauchen
ohne von den oberaffen abhängig zu sein
die literatur nur wie den börsengang betreiben und
nach jeder fehlspekulation nur einen weiteren willkürlichen trendsetter
aus dem boden stampfen dessen bestseller zum halben preis
im nächsten frühling schon im regen gammelt
weil die nächste weltanschauung schon epoche macht
ICH MACHE JETZT EPOCHE
weil ich endlich zeit für Dich zum leben habe
ohne dauernd glücksmomente zu verewigen
hörst Du mich ???
wir machen jetzt epoche
und verewigen uns selbst
in jeder einzelnen sekunde
die das leben uns gemeinsam schenkt
ich sage LEBEN ~V echtes leben ohne gott
und diesen ganzen hokuspokus
jeden tag und jede nacht
will ich mit Dir verschmelZEN wie…
beim ersten mal und jeden kußß als überwindung der
vergänglichkeit geniessssssssen
ja. ich. will. das. ganze. leben.
bis zum letzten atemzug bewußßt erleben
als geschenk und kampfansage an gelehrte und gebildete
die bis zum tod den tod verdrängen ihre lebensenergie
in ein korsett aus faulen kompromissen zwängen und
mithilfe der politiker das volk zum schweigen bringen
völker hört ihr mich ???
wir lassen uns nicht länger von ein paar idioten unterdrücken
heute nutZEN wir die letzten lücken im system der tiefschlafwandler
die geschlechter wollen sich für immer ineinander fügen
mehr ist wirklich nicht zu sagen
alles weitere sind luxuslügen von verklemmten
die die existenz des universums nicht ertragen
aber wir wir wagen was am nächsten liegt
und über jede dummheit siegt:
WIR MACHEN LIEBE – nichts als liebe
wir sind die enthemmten heiligen
Tom de Toys (*1968)

wohin ?

RHETORISCHE GOTTESFRAGE
(DIE MYSTIK KOSMISCHER PHYSIK)

des wassers glitzern rührt von sonnenstrahlen
[Und sie hängt dort oben auch bei nacht]
für diese wonne braucht man NICHTS zu zahlen
frei im universum schweben …
wer hat sich Das Ganze ausgedacht ???
der wind umspielt die nackte haut -
kein meister glaubt … DAS SEI “erhaben”
in mir rufen geisterstimmen laut :
UNENDLICH darfst du dich am Dasein laben !!!



Tom de Toys (*1968)

ein gefühl

Dämmerempfindung

Was treibt mich hier von hinnen?
Was lockt mich dort geheimnisvoll?
Was ist’s, das ich gewinnen,
Und was, womit ich’s kaufen soll?
Trat unsichtbar mein Erbe,
Ein Geist, ein lust’ger, schon heran,
Und drängt mich, daß ich sterbe,
Weil er nicht eher leben kann?
Und winkt mir aus der Ferne
Die Traube schon, die mir gereift
Auf einem andern Sterne,
Und will, daß meine Hand sie streift?

Friedrich Hebbel (1813-1863)